Zwei Brüder

Du musst töten …

November 1207 

In der Morgendämmerung eines möglichen Königstreffens in Bamberg wütet im Siegerland eine blutige Familienfehde derer zu Tiefenbach. Im Mittelpunkt steht der tödliche Konflikt zwischen Vater und Söhnen. Ein ganzes Tal und seine Bewohner werden in diesen Strudel aus Brutalität und Niedertracht gezogen, als unbemerkt ein fremdes Söldnerheer eindringt. Einzig die reiche Kaufmannsfamilie Bayer vermag das Gleichgewicht der Kräfte halbwegs zu wahren. Ein eisiger Winter, eine Feuersbrunst und Krankheiten treiben die Menschen in Verzweiflung, Elend und Tod. Ein alter Kinderreim hallt durch das Tal: Ob arm oder reich – im Tod sind alle gleich …

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Das Buch ist ab sofort bei Amazon als Paperback und E-Book erhältlich.

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Der erste Band ist am 18. Juni 2023 erschienen.

Leseprobe

„Herr, lass mich nicht allein.“ Erschrocken diese Bitte laut ausgesprochen zu haben, und der Erkenntnis das seine Stimme alle Kraft verloren hatte, blickte der Köhler aus Walpersdorf in den Himmel und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Von Weinkrämpfen geschüttelt hatte er die Arbeit immer wieder unterbrechen müssen, aber nun war es vollbracht, seinen Meiler gab´s nicht mehr.

Verzweiflung und Trauer hatten ihn in eine tiefe Dunkelheit gestürzt. „Für wen noch, Michl?“ Aber seine, wohl eher an Gott gerichtete Frage blieb unbeantwortet.

Ein Fuhrwerk der Bayers würde dieser Tage vorbeikommen und die letzten Kohlesäcke mitnehmen. Um den Lohn seiner Mühe machte er sich keine Sorgen, denn August Bayer hatte ihn immer anständig behandelt und auch pünktlich bezahlt.

Mit Tränen in den Augen schulterte er den letzten Sack, während er, den Blick nach innen gerichtet, sich an den letztjährigen Sommer erinnerte, als seine Frau Mathilde und die kleine Trudel, die er beide im vergangenen Winter durch das Lungenfieber verloren hatte, noch lebten. Nachdem er den Sack auf den Stapel gewuchtet, danach Beil und anderes Werkzeug geschultert hatte, machte er sich, aller Lebensfreude beraubt, auf den Heimweg.

Hoffnungsvoll und hungrig zugleich betastete er mit seiner freien, rußgeschwärzten Hand den an seinem Gürtel hängenden Proviantbeutel, vielleicht hatte er ja etwas übersehen. Nein, nichts… Leer, so leer wie sein Herz.

Um vor Einbruch der Dunkelheit sein nun einsames Heim zu erreichen, beschloss er eine Abkürzung durch den Wald zu nehmen.

Vor ein paar Jahren hatte er irgendwann das ausgetrocknete Bachbett entdeckt und in ihm einen gut begehbaren Pfad ausgemacht. Vorsichtig wie er war, hatte er aber nie den Mut aufgebracht, dem ausgetrockneten Wasserlauf weiter als notwendig zu folgen, denn die tiefen Wälder, in denen sich dieser verlor, hatten für ihn immer etwas Unheimliches gehabt.

Dann und wann löste sich ein Bachkiesel unter seinem Tritt, stieß klackernd gegen andere, um schließlich in zunehmender Dunkelheit zu verschwinden. Einen Lidschlag später meinte er, ein langgezogenes Heulen zu hören. Irritiert in die unmittelbar bevorstehende Finsternis lauschend, blieb er stehen.

„Wölfe! Mach dich heim“, mahnte er sich leise zu größerer Eile. Nicht mehr lange, und der dichte Wald würde unter einem Mantel aus undurchdringlicher Dunkelheit verschwinden.

Von Furcht und Einsamkeit angetrieben wurden seine Schritte eiliger. Den ausgetrockneten Verlauf nunmehr eher erahnend als sehend wurde ihm klar, dass das Schicksal ihm keinesfalls gnädig gewesen war, denn es hatte die Erinnerung an den Todestag seiner Lieben lebendig gehalten gleich einem giftigen Dorn, der tief in seinem Fleisch saß. Seit jenem Tag immer häufiger in dieser unendlichen Leere gefangen, kehrten seine Gedanken auch jetzt an jene Stunden zurück, in denen seine kleine Familie ausgelöscht wurde…

Plötzlich legte sich eine unnatürliche Stille über den Wald, sie schien ihm Sinnbild für seine Augenblickliche Lage. Nichts mehr wofür es sich lohnte zu leben, einzig die Liebe zu seinem Kohlenmeiler hatte ihn noch aufrecht gehalten, doch den gab es nun auch nicht mehr. In jenem Moment beschloss er, dass es genug war.

„HOLT MICH ENDLICH!“, schrie er, die Stille unterbrechend, in die Richtung, in der er die weißgrauen Jäger vermutete.

Etwas bewegte sich in der Dunkelheit auf ihn zu. „Komm her, ich wehre mich nicht.“ In die Knie sinkend, sich seinem Schicksal ergebend, in der Hoffnung bald wieder mit Frau und Tochter vereint zu sein, ließ er sein Werkzeug von der Schulter fallen, kurz darauf schlug es metallisch scheppernd neben ihm auf. Den Schatten ansprechend, murmelte er: „Bring es hinter dich.“

Nur noch wenige Schritte von ihm entfernt konnte er den Wolf ausmachen, ein gewaltiges Tier! Langsam näherkommend ließ ihn der langbeinige Jäger nicht mehr aus den Augen. Keine Handbreit vor seinem Gesicht blieb er stehen. Mit seinem Leben abgeschlossen, blickte er furchtlos in die gelb leuchtenden Augen.

Ohne Warnung drang tiefes, menschenverachtendes Knurren an sein Ohr. Hypnotisiert betrachtete er die gefletschten Zähne des überlegenen Jägers. Dann riss ihn etwas aus seiner seelischen Starre – die Bestie griff ihn nicht an! In den bernsteinfarbenen Augen seines Gegenübers las er eine Botschaft, die er niemals für möglich gehalten hätte oder vergessen würde:

Verschwinde hier! Sofort!